Was ist Pornographie

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Auszug: aus DIPLOMARBEIT Sexualität in Wien um 1900 im Spiegel zeitgenössischer pornografischer Literatur am Beispiel der Josefine Mutzenbacher“ /   Verfasserin Patricia Michaela Bulling  


Auszug: Kap. 3.2 Wozu pornografische Literatur? 

 

Immer wieder stellt sich die Frage, aus welchem Grund man pornografische Literatur liest. Dient sie als Ergänzung zum bloßen Zusehen? Kann unsere Phantasie unsere Lust mehr beflügeln als das bloße Bild, das uns gleichsam fertig vorgesetzt wird, um Gefühle auszulösen? Wer liest pornografische Literatur und zu welchem Zweck? Wie viel Aufmerksamkeit ist der Aussage beizumessen, dass man pornografische Literatur nur mit einer Hand lese? Auf die Beantwortung diese Fragen soll im folgenden Abschnitt näher eingegangen werden. Wichtig dabei ist zu sagen, dass sich die Untersuchungen zu diesem Kapitel auf die Zeit der 80 Jahre bis heute zu beziehen, da es um 1900 wenig bis gar keine Aufzeichnungen und Befragungen zum Thema „Pornografie“ bzw. ihrem Konsum gab. 


Zwar ist auf Grund der hohen Verkaufszahlen davon auszugehen, dass sie auf reges Interesse stieß, aber detaillierte Berichte, warum und weshalb man zu dieser Art der Literatur griff, liegen nicht vor. Doch kann man annehmen, dass Menschen, die heute Pornografie konsumieren, dies zu einem Großteil aus denselben Gründen machen wie Rezepienten um die Jahrhundertwende. Einzig die gesellschaftliche Schicht, die hauptsächlich Pornografie kaufte, dürfte sich gewandelt haben. Waren es im 18. und 19. Jh. eher Männer aus gesellschaftlich höher gestellten Schichten, die Pornografie konsumierten, sind es heute eher Menschen aus den unteren sozialen Schichten. 

 

Erklärt könnte das damit werden, dass die Beschaffung von Pornografie nicht so einfach und deshalb vergleichsweise teuer war und somit für Menschen aus niedrigen sozialen Schichten unerschwinglich war. Heutzutage ist Pornografie zu Spottpreisen zu erwerben und somit für jedermann zugänglich, egal ob arm oder reich, gebildet oder nicht.99Neben der sexuellen Befriedigung dient die Pornografie der sexuellen Stimulation in geschlechtlichen Beziehungen und macht es möglich, die vorhandene Lust durch ihren Konsum noch zu intensivieren. Dabei geht es um Direktheit, die Techniken der Verhüllung werden in pornografischen Texten kaum verwendet. 

 

Häufig wird der Pornografie eine literarische Wertigkeit abgesprochen, da sie die einzige Textsorte sei, der man eine primär luststimulierende Wirkung zuschreiben kann und sie ausschließlich dem Zweck der sexuellen Stimulation diene. Dies ist auch der Grund dafür, dass bis weit ins 20. Jahrhundert selbst Literaturwissenschaftler der pornografischen Literatur sehr skeptisch und ablehnend gegenüberstanden. 

 

Auch das Spielen mit der Scham des Lesers und deren Überwindung haben dazu geführt, dass die Darstellungen sexueller Handlungen oft in komikhaften Formen präsentiert wurden, die es ermöglichten, das Peinliche mit einem Lachen zu überspielen. Ebenso taucht der Begriff des Obszönen sehr oft in Verbindung mit Pornografie auf, wobei man darunter alles subsumierte, was im bewussten Gegensatz zur herrschenden Moral stand.

 

Wurde Pornografie bis ins 18. Jahrhundert ausschließlich für Männer geschrieben, ging man im Laufe der Zeit immer mehr dazu über, spezielle Literatur für Frauen anzubieten. Dies ist der Forschung zu verdanken, die herausfand, dass Frauen anders lesen als Männer und somit auch einen völlig anderen Zugang zu Büchern haben als diese. Ruth Klüger nahm z.B. an, dass sich die Differenz der Geschlechter beim Lesen bei der Wahrnehmung von Kunstinhalten und der Identifikation mit bestimmten Personen bemerkbar mache. 

 

Viele Fragen zum Thema „Porno“ sind bis heute nicht ausreichend geklärt und stehen immer wieder im Zentrum heftiger Debatten. Was aber empirisch belegt ist, ist, dass zum jetzigen Zeitpunkt mehr Männer als Frauen Pornografie konsumieren und die Aversion gegen Pornografie bei Frauen viel größer ist als bei Männern. 

 

Unbestritten ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass immer mehr Frauen sich von Pornografie sexuell erregen lassen, allerdings auf eine andere Weise, als dies Männer tun. Zwar können gleiche Texte, Bilder oder Filme unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechen, doch resultiert aus der Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse der Geschlechter auch der Wunsch nach unterschiedlichen Texten. 

 

Viele Untersuchungen lassen die Annahme zu, dass der Pornografiekonsum bei Männern eher voyeuristische, bei Frauen eher exhibitionistische Bedürfnisse hervorruft. Auch stehe für Männer das Begehren an sich, für Frauen dagegen das Begehrtwerden im Vordergrund. 

 

Der Annahme, dass die voyeuristische Betrachtungsweise typisch männlich sei, kann man entgegenhalten, dass es in pornografischen Texten häufig Frauen sind, denen man diesen Blick zuschreibt. Dem könnte man entgegenstellen, dass diese Frauen Projektionsfiguren männerspezifischer Wünsche seien. Einige empirische Studien glauben auch nachweisen zu können, dass die Art der Pornografie, die die Frau aus ihrer Passivität heraustreten und einen aktiven Part einnehmen lässt, vom weiblichen Geschlecht eher akzeptiert wird. 

 

Viele befragte Frauen gaben als Gründe für den Konsum von Pornografie an, dass der Partner sexuell angeregt und dies gleichzeitig zum eigenen Lustgewinn beitrage, somit zeigten sie sich von Pornografie nicht abgestoßen. In Bezug auf Altersgruppen lässt sich beobachten, dass die Konsumenten von Pornografie in Europa durchschnittlich zwischen 18 und 29 Jahre alt sind, wie Henner Ertel in seinen Befragungen herausgefunden hat. 

 

Der Inhalt von Pornografie ist klar, denn die sexuelle Lust wird vor allem durch die Darstellung im Text vermittelt. Dies mag mitunter daran liegen, dass sexuelle Erregung eine ansteckende Wirkung hat. Besonders wichtig ist es, dem Leser glaubhaft darzustellen, dass die dargestellten Personen sehr große Lust empfinden, die sich während des Konsums der Lektüre auf den Leser übertragen soll. 

 

Die Hauptarbeit liegt natürlich beim Autor oder der Autorin, die die Beschreibungen der Figuren liefert. Dabei haben sie eine Vielzahl an Möglichkeiten, um dies zu tun. Sie können die Lust an sich verbalisieren, wie dies auch im Roman „Josefine Mutzenbacher“ vorzufinden ist, oder sie bieten eine Beschreibung einer eindeutigen Körpersprache. Zum festen Repertoire der Rhetorik der Lust gehören feuchte und geschwollene Körperteile genauso wie Schreie, Stöhnen, Seufzer und konvulsivisches Zucken

 

Eine Frage, die mir im Zusammenhang mit dem Konsum pornografischer Literatur besonders spannend erscheint, ist die Frage nach den Vorstellungen, die sie hervorruft. Glauben Menschen, die diese Art der Literatur lesen, sie sei eine Abbildung der Realität, oder sind sie sich dessen bewusst, dass es sich um ein reines Phantasieprodukt handelt? 

 

Gunter Schmidt meint von der sexualwissenschaftlichen Seite her, dass Pornografie keine sexuelle Wirklichkeit konstruiere und dies auch nicht möchte, da niemand das Endprodukt kaufen würde. Die Konsumenten scheinen dies ganz anders zu sehen. Für viele von ihnen stellen die abgebildeten, gefilmten oder beschriebenen Szenen tatsächlich einen Teil von Realität dar. 

 

Problematisch dabei ist, dass bei vermehrtem Konsum häufig die wahrgenommenen Darstellungen als normal angesehen und im eigenen Sexualverhalten eingesetzt werden, oft ohne Absprache mit dem jeweiligen Sexualpartner getroffen zu haben. Dieses Herangehen an Sex kann somit zu großen Problemen führen, was den meisten aber vorerst nicht bewusst ist, da sie die Reaktionen oft nur aus Film oder Literatur kennen und dort jegliche Art der Pornografie, selbst dann, wenn es sich um Vergewaltigung handelt, von den darstellenden Personen positiv aufgenommen wird. …




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